Ein Jahr in Haiku
Der Begriff „Haiku“ begegnete mir zum ersten Mal bewusst auf einem hölzernen Briefkasten. Zu dieser Zeit hatte ich anderes im Kopf als Gedichte schreiben und so lief ich in der Freiburger Stadtbücherei immer wieder an dem Kasten mit dem Aufdruck „Matsuyama Haiku Box“ vorbei, neugierig zwar, aber ohne je in Erfahrung zu bringen, was es damit auf sich hatte.
In den folgenden Jahren begegnete mir die Gedichtform immer mal wieder. Ich lernte, dass ein Haiku aus drei Zeilen besteht, die jeweils eine bestimmte Anzahl von Silben haben. Klick machte es jedoch erst, als ich irgendwann den Essay “The life changing magic of writing Haiku” von Beth Kempton las. Erst in Beths Text über “die lebensverändernde Magie des Haiku schreibens” wurde für mich deutlich, was abseits des Offensichtlichen noch im Konzept “Haiku” steckte. Und ich war fasziniert.
“Weil wir uns innerhalb der Grenzen einer engen, begrenzenden poetischen Struktur bewegen müssen, sind wir gezwungen unseren Worten Tiefe zu geben.”
– Madoka Mayuzumi
Was macht ein Haiku zum “Haiku”?
Haiku (auch: Haikus) sind kurze Gedichte, oft werden sie auch als „die kürzesten Gedichte der Welt“ bezeichnet. Sie stammen ursprünglich aus Japan, wo sie sich vermutlich aus der längeren Gedichtform “Tanka” heraus entwickelten, und haben eine mehrere hundert Jahre weit zurückreichende Tradition.

Matsuo Bashō (1644–1694) gilt als der erste große Haiku-Dichter, sein Frosch-Haiku (in unterschiedlichsten Übersetzungsvarianten) als eines der meistzitierten:
Der alte Weiher:
ein Frosch springt hinein.
Das Geräusch des Wassers.
Das Offensichtliche: die Form
Haiku bestehen aus drei Zeilen, die wiederum aus 17 Moren (Lauteinheiten) bestehen: 5 in der ersten, 7 in der zweiten und nochmal 5 in der dritten Zeile. In Sprachen wie Deutsch oder Englisch werden für diese Struktur Silben gezählt, auch wenn eine Silbe aus mehreren Moren bestehen kann und die Gedichte so länger werden als ihre japanischen Vorbilder.
Bei genauerer Betrachtung …
In den hunderten von Jahren ihrer Entwicklung wurden für Haiku einige Regeln etabliert, die weit über die Form hinausgehen. Mein Eindruck nach dem Lesen von Haiku aus mehreren Jahrhunderten ist, dass diese Regeln eher als Buffet zu verstehen sind, von dem sich Schreibende bedienen können, aber nicht müssen.
Der Blick nach Außen: Haiku beziehen sich bewusst auf das Außen. Selten findet sich das Wort „Ich“. Aber schon allein durch die Auswahl eines Momentes machen wir eine Aussage darüber, was uns berührt und beschäftigt. Der Blick nach Außen kann im Haiku ein Spiegel sein, für den Lesenden ebenso wie für die Schreibende.
Tatsächlichkeit: Erzählt werden konkrete Momente, die erlebt wurden und erinnert werden - nicht erdacht. Details werden sehr konkret benannt: nicht “Vogel”, sondern “Taube”, nicht “Blume”, sondern “Löwenzahn”.
Jahreszeitenwörter: Mit einem “Jahreszeitenwort” (Kigo) wird der beschriebene Moment zeitlich eingeordnet. Zum Beispiel durch die Erwähnung der Blüte einer bestimmten Pflanze, der Rückkehr eines konkreten Zugvogels oder auch des Namens eines jahreszeitlichen Festes. Jahreszeitenwörter gibt es unzählige - sie füllen in Japan ganze Bücher.
Als Mitglied der Wunderkammer (“Brauner Bär”) findest du unter dem Post ein exklusives Extra, mit dem du mehr über “Jahreszeitenwörter” erfährst und deine eigenen finden und sammeln kannst.
Zweiteilung: Ein zentrales Bild (zwei Zeilen lang) und ein ergänzendes oder kontrastierendes zweites Bild oder Thema in der ersten oder letzten Zeile. Ein “Schneidewort” (Kireji) trennt beide Teile durch eine hör- und lesbare Zäsur, eine gewollte Atem-, Sprech- bzw. Lesepause oder Betonung.
Was nicht gesagt wird:
Durch bewusste Lücken und Andeutungen sagen Haiku viel mehr aus als in Worten da steht. Ein Fazit oder eine Erkenntnis werden in einem Haiku eher nicht benannt, vielleicht aber angedeutet, dann in der Regel in der ersten oder letzten Zeile als Kontrast zu den anderen beiden Zeilen. So entsteht ein Nachhall im Lesenden.
„Haiku können uns durch das Gesagte für kleinste Details sensibilisieren und uns durch alles Ungesagte die Weite des Universums und die Zeit selbst erahnen lassen."— Beth Kempton
Wie ich Haiku schreibe

Was ich bisher in Schreibwerkstätten oder Artikeln über Haiku gesehen habe, hat meistens nicht mehr mit dieser uralten Form zu tun als den Namen und die 5-7-5-Struktur. Dabei gibt es unzählige Gedichtformen mit ähnlich strenger Struktur, die diese Vorgaben nicht haben, etwa das Elfchen als vielleicht bekanntestes Beispiel.
Für mich waren es die Jahreszeitenwörter, die als erstes mein Interesse weckten, selbst Haiku zu schreiben. Ich beschäftige mich schon einige Jahre mit den “Zeichen der Zeit” in der Natur. Die Meinungen gehen auseinander, inwiefern es “heute noch” passend sei, Jahreszeitenwörter als ein zentrales Element für Haiku zu betrachten. In meinen Augen ist es eher ein “gerade jetzt”. Als ich anfing, mich mit Haiku zu beschäftigen und in die tieferen Schichten dieser Form hinabzusteigen, schwirrte mir mitunter der Kopf vor lauter Möglichkeiten und Meinungen. Aber irgendwann kam die Frage durch, die den Knoten in meinen Hirnwindungen löste:
Was, wenn es darum geht, meine Art zu finden, Haiku zu schreiben?
Ich beschloss, einmal ausführlich durch Haiku unterschiedlicher Epochen zu stöbern und setzte mich dazu für eine Weile in das Café einer Bücherei mit Kaffee und den zwei Büchern, die zufällig gerade da waren:
- Japanische Jahreszeiten - Tanka und Haiku aus dreizehn Jahrhunderten und
- Haiku - Japanische Dreizeiler.
Beim Stöbern fand ich alle Snacks vom Buffet der Möglichkeiten: Jahreszeitenwörter, Schneidewörter, die Zweiteilung, Tatsächlichkeit - aber auch Haltung, Meinung und gelegentlich sogar ein ausgeschriebenes “Ich”. Und dieses Haiku von Mile Stamenković hat mich danach nicht mehr losgelassen:
Verlassene Stadt –
hungrige Kriegsopfer
füttern die Tauben.
Für mein Empfinden nehmen allzu große Abweichungen dem Haiku die Seele, den besonderen Charakter. Das heißt aber nicht, dass alle “Regeln” penibel eingehalten werden müssen, damit sich ein Haiku nach einem Haiku anfühlt. Mir scheint es dabei eher um eine Tendenz zu gehen, wobei es einen Aspekt gibt, von dem ich meine, dass er die allermeisten Haiku verbindet:
einen Moment zu Papier zu bringen, um ihn für andere erlebbar zu machen.
Und daran orientiere ich mich, wenn ich Haiku schreibe:
- Form, jedoch nicht auf die Silbe genau,
- ein konkreter Moment - oft mit Jahreszeitenwort,
- eine überraschende Verbindung, die Prägnanz und Nachhall hinterlässt.
Mein Haiku-Heft

Weil mich vor allem der Aspekt der Jahreszeitlichkeit fasziniert, habe ich mir ein Haiku-Heft angelegt, aufgeteilt in die zehn phänologischen Jahreszeiten, die außer dem Winter jede Zeit noch einmal dreiteilen. Im Moment schreibe ich das zweite Jahr in dieses Heft, mit Platz für einige weitere. Spannend finde ich dabei, ob sich über die Jahre Muster zeigen werden. Ob immer wieder ähnliches meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird oder völlig andere Dinge. Natürlich ändere ich mich selbst mit den Jahren und auch mein Schreiben - ob das sichtbar sein wird? Ich blättere schon jetzt gerne durch die Seiten und bin fasziniert davon, wie wenige Worte es braucht, um mich zurück in einen Moment zu bringen als wäre er gerade erst passiert.
Eine Anleitung für das Schreiben von Haiku
Vielleicht möchtest du dich nun auch am Schreiben eines Haiku versuchen und kannst etwas Orientierung brauchen. Haiku sind explizit keine Form, die nur “Meistern” vorbehalten ist, die den ganzen Tag nichts anderes tun als Worte auf Papier zu bringen. Haiku schreiben ist nichts anderes als Spielen. Tatsächlich ist das “Tanka”, aus dem das Haiku hervorgegangen sein soll, ein Kettengedicht, das von Mensch zu Mensch gereicht und spielerisch erweitert wird.
Unter dem Post findest du (wie immer) die “Schreibimpulse zum Mitwundern”, diesmal in Form einer kurzen Anleitung zum Schreiben von Haiku. Mitglieder der Wunderkammer (mit dem Paket “Brauner Bär”) finden dort außerdem zwei exklusive Extras zu Jahreszeitenwörtern.
Abschließend …
Das Projekt der "Matsuyama Haiku Box" in der Freiburger Stadtbücherei ist übrigens eine Kooperation mit der Stadt Matsuyama in Japan. Jede:r kann selbstgeschriebene Haiku in den Briefkasten werfen oder per Mail schicken. Die Einreichungen werden regelmäßig nach Matsuyama geschickt, wo alle Gedichte ins Japanische übersetzt werden. Die Gedichte, die am meisten Anklang finden, werden jeweils zu Jahresbeginn ausgezeichnet.
Was ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe: endlich einmal selbst etwas in diese Box zu werfen.
— Schreibimpulse zum Mitwundern —
Haiku schreiben in fünf Schritten:
- LESEN: Lies, bevor Du dich selbst ans Schreiben machst, Haiku unterschiedlicher Autor:innen, inklusive der Klassiker (z.B. Matsuo Bashō), um ein Gespür für ihren Charakter zu bekommen.
- REFLEKTIEREN: Was macht für dich ein Haiku aus? Was ist deine Art, Haiku zu schreiben?
- WILDES SCHREIBEN: Begib dich an einen Platz draußen oder mit Blick nach draußen oder rufe dir einen eindrücklichen Moment in Erinnerung, vielleicht eine jahreszeitliche Wahrnehmung oder Begegnung mit einem Lebewesen. Ein Jahreszeitenwort (mehr dazu unter dem Post exklusiv für Mitglieder der Wunderkammer) kann ein wunderbarer Ausgangspunkt sein. Was ist zu sehen, zu hören, zu riechen, zu fühlen, zu schmecken? Was ist in diesem Moment da, was wenige Wochen früher oder später nicht zu finden sein wird? Sammle deine Eindrücke oder Erinnerungen en détail in Form von Stichworten oder einem kurzen Text. Als Rahmen kannst Du dir dafür einen Timer auf 3 - 5 Minuten stellen.
- FORMEN: Lies deine Stichworte oder deinen Text in Ruhe durch und markiere, was dich an Worten und Fragmenten spontan anspricht. Findest du einen konkreten Moment? Findest du ein Wort oder eine kurzes Fragment, das auf die Jahreszeit schließen lässt? Gieße das Gefundene in die typische Haiku-Struktur mit (etwa) 5-7-5 Silben.
- LOSLASSEN: Haiku sind kleine Momentaufnahmen. So kurz, dass wir mit Leichtigkeit immer neue schreiben und uns dabei ausprobieren können.
Haiku-Heft:
Lege ein Notizbuch an, in dem du deine Haiku nach Jahreszeiten sammelst. Dafür teilst du vorab das Notizbuch entsprechend der Seitenzahl auf, zum Beispiel in:
- die vier klassischen Jahreszeiten,
- die 12 Monate,
- die zehn phänologischen Jahreszeiten.
Jahreszeitenwörter - exklusiv für Mitglieder der Wunderkammer
Mit Jahreszeitenwörtern kannst du den Moment in deinem Haiku zeitlich verankern. Die Wörter und Fragmente können so wie sie sind in einem Haiku verwendet werden oder aber auch als Anregung zum Wilden Schreiben etwas ganz anderes inspirieren.