Raue Rinde drückt sich schmerzhaft in die Haut meiner Stirn. Besser gesagt: ich bin es, die ihre Stirn gegen die Buchenrinde drückt, sich auf diesen Schmerz konzentriert, während meine Lunge brennt und kaum noch Luft durchlässt. Ich zwinge mich dazu, die zu kalte Winterluft nur noch durch die Nase einzuatmen und langsam wieder aus durch den Mund, bis ich ruhig genug bin, um mein Asthmaspray aus dem Rucksack zu holen. Normalerweise passiert mir das nicht. Normalerweise bin ich aber auch nicht unter Zeitdruck kurz vor Sonnenaufgang bei Minusgraden auf 1200 m Höhe unterwegs und versuche - auf dem falschen Weg - einen steilen Hang hoch den unerwartet langen Weg durch den Wald zu überwinden, der die Sicht ins Tal blockiert, wegen der ich gerade zweieinhalb Stunden durch die Nacht gefahren bin.
Als ich eine ganze Weile später endlich oben am Gipfel stehe, liegt ein gräulicher Dunstschleier über dem Tal. In das dunkle Orange der bereits einige Zentimeter über dem Horizont stehenden Sonne mischt sich mehr und mehr helles Gelb. Und in mir mischt sich Enttäuschung in die über Wochen gehegte Erwartung. Nicht nur, dass ich den Beginn des Sonnenaufgangs verpasst habe, ich habe auch keine Ahnung, wonach ich eigentlich genau Ausschau halte. Denn den einen Berg, hinter dem die Sonne an genau diesem Tag aufgehen soll, kann ich nicht vom Rest der Bergkette am Horizont unterscheiden.
Was ich erwartet hatte zu erkennen, ist der Belchen. Das heißt einen der Belchen, einen von fünf Bergen in einem Umkreis von wenigen hundert Kilometern in Deutschland, Frankreich und der Schweiz, die diesen Namen tragen. Es gibt nicht viel über das „Belchen-System“ zu finden, obwohl die Theorie schon seit 1985 existiert. Selbst der Wikipedia-Artikel, der jahrelang dazu online war, muss irgendwann in den letzten Monaten gelöscht worden sein. Vom Elsässer Belchen aus, auf dem ich stehe, können jedenfalls in Verbindung mit den anderen beide Sonnenwenden (Winter und Sommer), beide Tagundnachtgleichen (Frühling und Herbst) und der 1. Mai erkannt werden, indem beobachtet wird, wann die Sonne über jeweils einem der anderen Belchen aufgeht. Der Theorie nach stehe ich im Zentrum eines vor Jahrhunderten von keltischen Gruppierungen genutzten Sonnenobservatoriums, aber auf dem Gipfel gibt es keinen einzigen Hinweis dazu.
Ein paar einzelne Wanderer und eine Frau mit Hund sind um diese frühe Zeit bereits auf dem Berggipfel unterwegs. Zumindest ein Teil von mir hatte erwartet, hier eine größere Gruppe zu treffen, vielleicht ein Ritual zur Wintersonnenwende beobachten zu können. Ich selbst spüre in mir Widerstand dagegen, Jahreskreisfesten und Ritualen zu folgen, aber neugierig bin ich eben doch. Und so stehe ich an diesem 21. Dezember, mit noch immer pfeifender Lunge, etwas verloren auf dem Gipfel und starre auf die aufgehende Sonne. Als ich mich schließlich abwende und auf den Weg nach unten mache, höre ich, wie sich in mir eine Frage zwischen die aufkeimenden Gedanken an Frühstück drängt:
Was suche ich hier … eigentlich?
Die natürlichen “Zeichen der Zeit” faszinieren mich schon lange: Sonnwenden und Tagundnachtgleichen, Mondzyklen, phänologische Zeiger, also das Verhalten von Pflanzen zu bestimmten Zeiten im Jahr. Über Jahrtausende war der Großteil der Menschen, egal ob nomadisch oder sesshaft, darauf angewiesen solche Zeichen zu erkennen und zu deuten, um zu überleben. Das heute tun zu können, innerhalb digitalisierter und naturdistanzierter Strukturen, fühlt sich für mich so natürlich wie mächtig an.
Dennoch ist es aus heutiger Sicht natürlich etwas drastisch, für einen Sonnenaufgang mehrere Stunden durch die Nacht zu fahren. Und überhaupt war ich ja nicht auf dem Gipfel, um das Datum zu erkennen, sondern andersrum gerade an diesem Tag dort, weil ich vorher ergoogeln konnte, wann rechnerisch in jenem Jahr die Wintersonnwende stattfindet und dann einfach nur dem Termin im Kalender nachgehen musste.
In den Wochen nach der Fahrt auf den Belchen hallt die Frage weiter nach, während sich zunächst eine dichte Schneedecke über die Landschaft legt. Erst zum Februar hin beginnt sich der Frühling spürbar vehementer gegen den Winter zu stemmen. Nie sind die Zeichen der Zeit klarer als in den Tagen zwischen Winter und Frühling: die ersten Krokusse, die erste Wärme der Sonne auf der Haut, die erste Schlange vor der Eisdiele, … Und ich beginne Pläne zu schmieden, wann ich wo welche in den Wintermonaten vermissten Wildpflanzen und Pilze sammeln werde.
Als ich an einem der ersten richtig sonnigen Frühlingstage auf einer Bank in einem Klostergarten sitze, mit Eis in der Hand, wird mir bewusst, dass ich nach einer zu großen Antwort gesucht hatte. Nicht, dass ich nicht gerne schreiben würde, dass es um Halt ginge oder Sinn, wenn ich von Berggipfeln auf Sonnenuntergänge starre oder mit meinem Korb durch die Wälder stromere, um Pflanzen und Pilze zu sammeln. Aber eigentlich ist es sehr viel … banaler.
In der griechischen Mythologie gibt es neben “Chronos”, der messbaren, gleichmäßig fließenden Zeit, auch noch “Kairos”, den bedeutsamen, günstigen oder entscheidenden Moment. “Zeichen der Zeit” sind in diesem Sinne das, woran wir den Kairos erkennen, Hinweise also auf die Notwendigkeit oder Gelegenheit zum Handeln.
Nichts Eigentliches, nichts Großes. Nur die Antwort auf eine ganz praktische Frage:
Was ist - hier und jetzt - zu tun?
Ich nehme meinen Korb, gehe in den Wald und sammle Bärlauch oder Morcheln oder Maroni - aus keinem anderen Grund als aus dem, dass das gerade dran ist.
Früher hätte mich das frustriert - zu nah, zu klein - denke ich, während ich noch eine Weile auf der Bank sitze, den Blick über die krokusbesprenkelte Wiese schweifen lassend, die noch ungewohnte Wärme der Sonne im Gesicht und die krasse Süße von Pistazieneis im Mund. Ob es am Älter werden liegt oder der verrückten Komplexität dieser Zeit: da ist keine Spur von Frust in dieser Erkenntnis - nur … Erleichterung.
— Schreibimpulse zum Mitwundern —
Schreiben und das Teilen von Schreibimpulsen sind für mich eng verbunden. Wie von selbst ergeben sich aus einem gereiften Text die Samen für unzählige nächste. Deshalb findest du unter den Essays der WUNDERKAMMER immer auch Schreibimpulse zum selbst wild schreiben.
Schreibe über etwas, das Zeit(räume) sichtbar macht, zum Beispiel eine ganz konkrete Uhr (Wo? Von wem?) oder etwas zu Essen, was es nur zu bestimmten Zeiten im Jahr gibt.
Schreibe zwei kurze Szenen, in denen Zeit vergeht - in der einen zeigt sie sich besonders flüchtig, in der anderen besonders zäh. Die Szenen können real, fiktiv oder irgendwo dazwischen sein. Reflektiere danach, was der Zeit jeweils ihre gefühlte Dynamik gegeben hat.