Wilde Kultur

Inspiration, Wissen und Produkte für wilde Sammler

Verbunden sein

Von Burnout, der Ruhe im Wald und dem Hören auf die inneren Stimme

Mit Mitte Zwanzig brannte ich aus. Nicht ein bisschen - komplett. Rückblickend erinnere ich mich vor allem an das Gefühl der Entfremdung. Als würde ich in jedem Moment ein paar Zentimeter neben mir stehen. Als wäre das nicht ich, die da spricht und handelt - als wäre ich nur mehr Zuschauerin in meinem eigenen Leben. Vor kurzem war zum ersten Mal in 5 Jahren dieses Gefühl wieder da. Und das, obwohl vieles im Moment besser läuft denn je. Oder vielleicht genau deshalb? Meine Arbeit fühlte sich interessant, aber trotzdem unvollständig an. Und gleichzeitig dominierte sie meinen kompletten Tag. Wenn ich durch den Wald ging, um Pflanzen und Pilze zu sammeln, wanderten meine Gedanken ständig in mein Handy und zu Instagram - woraus ließe sich eine interessante Story machen? Was, wenn ich nichts interessantes fand? Was sollte ich posten? Ich MUSSTE doch etwas posten?!?!?!

Verbindung


Aber ich hatte dazu gelernt. Ich erkannte das Gefühl. Ich spürte die Gefahr. Und ich machte eine Pause. Aus einer geplanten Woche wurden zwei. Und als das Gefühl danach noch immer da war, ließ ich es ruhig angehen. Beobachtete meine Gedanken. Nahm meine Morgenroutine und vor allem meine Meditation wieder ernster. Schrieb endlich einmal wieder in mein Tagebuch...


Es ist kein ungefährliches Unterfangen, seine Liebe für etwas zum Beruf zu machen. Viel zu leicht kann es passieren, dass wir die Verbindung zu dem verlieren, was uns ursprünglich gereizt hatte.

Und wenn wir uns dann an die geliebte Arbeit machen, sind wir nicht mehr alleine damit. Über unsere Schulter schauen auch all die, die eine ganz genaue Meinung dazu haben, ob angebracht oder nicht. Wir machen nichts mehr nur für uns. Hatten wir uns anfangs noch Experimente und Fehler erlaubt und das ständige Dazulernen, muss jetzt alles passen, haben wir auf einmal Verantwortung - und das aus freier Entscheidung.

Für mich selbst ist es so: so wichtig es mir ist, das Wissen um die Wilde Selbstversorgung zu bewahren, weiterzuentwickeln und zu teilen - tief in mir drin bin ich immer zuallererst eine Künstlerseele. Und auch wenn die in über 30 Jahren schon gelernt hat, zurückzustecken in dieser Welt, wenn ich sie ignoriere, werde ich früher oder später krank und unzufrieden.

Künstlerseelen brauchen Luft zum Atmen, sie brauchen Herausforderung und Abwechslung. Und meine möchte am liebsten jeden Tag etwas Neues anfangen. Das kann anstrengend sein. Und nicht immer gut fürs... Business.

Was ich aber weiß, ist das: es hilft nur, sie so anzunehmen, wie sie ist. Gegen das, was uns im Innersten ausmacht, anzukämpfen, ist ein mühsames Unterfangen. Für den, der sich für sein Leben Leichtigkeit wünscht, ist das jedenfalls keine kluge Option.


Der Wald und die Wiesen helfen mir dabei, die Ruhe zu finden, mich selbst zu hören. Doch manchmal sind die inneren Stimmen zu laut, zu viele, zu überzeugt von sich selbst. Dann braucht es etwas mehr als einen kleinen Waldspaziergang. Und vor allem braucht es Zeit.

Schließlich konnte ich wieder klarer sehen: Was ist das, was ich denke sein zu müssen? Und was ist tatsächlich meins? Ich konnte die fremden Stimmen vertreiben, so dass die eigenen wieder zu Wort kommen und nicht mehr gegen ihre lauten Verwandten anbrüllen mussten.

Und mit der Ruhe, mit den eigenen Stimmen, mit der Inspiration kam auch das Gefühl der Verbundenheit zurück.

Womit? Das ergründe ich jeden Tag neu...

06.08.2020
Nadine