Vom Loslassen

Und darüber, was ich durch Selbstversorgung über mich und das Leben lerne

Es ist August. Und August heißt, man kann den Pflanzen beim Wachsen zusehen. Mindestens ein Mal am Tag gehe ich raus in den Garten. Sammle. Gieße. Zupfe. Staune. Entdecke.

Für mich ist das nicht immer leicht.

Ich bin perfektionistisch. Und idealistisch.

Ich kann Asymmetrie schwer hinnehmen. Oder gewisse Zahlen, Zahlen die durch zwei teilbar sind, zum Beispiel.

Das krischelige Gefühl von Erde an den Händen, ist unerträglich. In etwa so schlimm wie es ist, Terracotta-Töpfe anzufassen. Oder wie wenn jemand mit dem Fingernagel an einer Tafel entlang kratzt...

Ich habe Angst vor Entscheidungen. Vor Endgültigkeit. Vor dem Verlust von Kontrolle.

Und dann sind da natürlich noch die Unordnung, das Chaos, das ständig lauert, wenn man einen Garten hegt. Gras, Schnecken, Kohlweißlinge, Trockenheit und viel zu viel Regen.

...


Was lebt, ist unberechenbar

Wenn ich eine Rille ziehe und die Samen in die Erde fallen lasse, gebe ich einen Großteil der Verantwortung ab. Ich kann das Korn nicht zum Keimen zwingen. Und auch nicht vorgeben, wie und wohin genau der Keimling wachsen soll. Genauso wenig wie ich den Schnecken sagen kann, welche Pflanzen sie essen oder den Katzen, auf welchen sie sich wälzen dürfen.

Das Jäten fällt mir leichter als das Säen. Andere Gartenmenschen können das vielleicht schwer nachvollziehen. Für mich aber macht es Sinn: Jäten birgt das Potenzial der Ordnung, während Säen das der Unordnung - nicht notwendigerweise, aber eben potenziell - in sich trägt. Das war mir bis vor kurzem so auch nicht klar. Stattdessen haderte ich manchmal mit meiner Begeisterung für das Gärtnern deswegen. Wenn es doch so viel Überwindung kostet, ein paar Samen in die Erde fallen zu lassen - kann es dann überhaupt gut für mich sein? Sollte ich nicht doch besser etwas anderes tun in dieser Zeit. Den Garten, Garten - die Selbstversorgung Selbstversorgung sein lassen? Mich klareren, strukturierteren, kontrollierbareren Dingen zuwenden?

Wenn ein Tier am Hof Hilfe braucht - sei es ein grade frisch auf der Welt angekommenes Kalb, kleine Findelkätzchen oder ein junger Vogel, der aus dem Nest gefallen ist -, dann darf mich die Angst davor etwas falsch zu machen, nicht dazu bringen, gar nichts zu machen.

Wenn es wochenlang keinen Regen gibt, habe ich zwei Optionen: zum einen kann ich die Pflanzen verdorren lassen, zum anderen kann ich meinen Idealismus zum Thema "eigentlich denke ich, dass es (in einer perfekten Welt) möglich sein müsste, zum Beispiel durch Mulchen und biointensiven Anbau fast ohne Gießen auszukommen" temporär zur Seite schieben und jeden Abend zumindest die empfindlichsten Pflanzen gießen - dafür aber am Ende auch unsere ersten guten Gurken ernten.

Und so geht es grade weiter... wann immer man es mit Lebendem zu tun hat, trifft man auf Herausforderungen, Widerstände, die eigenen Grenzen. Was lebt, ist unberechenbar.


Es wird besser

Ich lerne Geduld.

An der Pflanze ziehen, damit sie schneller wächst, nützt nichts - sie würde reißen. Ein Babykätzchen zu drängen schneller zu trinken nützt nichts - es würde sich nur verschlucken.

Und so führt kein Weg dran vorbei: durchatmen, aushalten, Geduld üben.


Ich lerne zu machen.

Wenn ich will, dass nachher Gemüse dabei raus kommt, dann darf ich nicht hadern. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Zweifel und Unsichereiten zu überwinden. Auch wenn es nachher nicht die perfekte Mischkultur wird. Oder die Gurken kleiner als erhofft.

Und dann merke ich: es geht. Es geht immer irgendwie - und zumindest ein bisschen.


Ich lerne, dass es nicht perfekt sein muss.

Die Welt geht nicht unter, wenn die gesäten Reihen nicht perfekt symmetrisch sind. Wenn nicht jedes einzelne Korn keimt und dadurch Lücken entstehen.

Wenn Chaos herrscht und Unruhe.

Es ist nicht perfekt, aber es ist gut.


Ich lerne, dass es die Überwindung wert ist.

Seit ich einmal angefangen habe, mehr selber zu machen, eigenes Gemüse anzubauen, fast immer selber zu kochen, will ich nicht mehr zurück. Gurken, Tomaten, Zucchini, Zuckererbsen schmecken frisch von der Pflanze so viel anders, so viel intensiver als von irgendwoher gekauft. Meinen Kuchen kann ich so süß und so herb und schokoladig machen, wie ich will und wie ich ihn nirgendwo so einfach bekommen kann.

Ich weiß, dass es sich lohnt.


Ich lerne, dass mein Handeln direkt etwas bewirken kann.

Selbstwirksamkeit. Nicht ohne Einfluss auf die Umgebung zu sein. Das ist wertvoll. Das fühlt sich gut an.

Egal wie klein oder groß, Ich kann etwas bewirken.


Ich lerne, dass ich nichts weiß und nichts vorhersehen kann und nichts im Griff habe.

Und dass das immer so sein wird - wie sehr ich mich auch dagegen wehre.

Ich lerne, dass nichts dadurch besser wird, dass ich mich sorge - aber vieles schlechter.

Ich lerne, dass mein Einfluss auf dieser Welt begrenzt ist, im Garten und erst recht an all den Orten, die ich nur aus dem Internet kenne.

Ich lerne, dass ich nur mich selber ändern kann, meine Haltung, meine Rituale, meinen Alltag, mein Handeln - nicht aber was andere tun und was passiert.

Und ich lerne, loszulassen.

04.08.2018
Nadine